Golfen in Brasilien ? – Eindrücke aus Teresópolis und Rio de Janeiro

Rio de Janeiro, areal view from S.Conrado
Rio de Janeiro

 

Text und Fotos von  Gregor Heinrich*

Piyan ist Brasilianer koreanischer Abstammung und hat mit dem Import von Turnschuhen aus Asien sein Geld verdient. Nun hat er seinen Betrieb an seinen Sohn weitergegeben, hat mehr Zeit und fährt jedes Wochenende 300 km hin- und zurück, um in Teresópolis Golf zu spielen. In seinem Heimatort im Staat Minas Gerais gibt es weit und breit keinen Golfclub.

Brasilien, mit seinen knapp 200 Millionen Einwohnern hat nur etwa 20000 Golfer und 117 Golfplätze, immerhin mehr als die nur 80 im Jahre 2000. Aber das ist noch weit entfernt von den über 300 Plätzen im sehr viel kleineren Argentinien, mit seinen knapp 45 Millionen Einwohnern und über 100000 Golfern. Während es in Brasilien in etwa einen Golfplatz auf 1.6 Millionen Einwohner gibt, kommt in den USA im Schnitt ein Golfplatz auf 22000 Menschen.[1]

Nun also fährt Piyan recht weit, um Golf zu spielen. Ich traf ihn auf einer der Abschläge im Golf Club Teresópolis, und wir genossen wohl die Tatsache, nicht ganz alleine auf diesem Platz zu spielen. Zumeist ist er nämlich menschenleer.

Teresópolis Golf Club (Foto: G Heinrich)
Golf Club Teresópolis

Die Glanzzeiten des vor über 80 Jahren gegründeten Clubs scheinen vorbei zu sein. Wie so oft waren vielleicht Engländer die Urheber des knapp 2 Autostunden von Rio de Janeiro gelegenen Clubs. Dass hier früher mal mehr los war, davon zeugen die relative grossen Umkleideräume, und das Golf Clubhaus. In der Tat gibt es auf dem Gelände auch noch das eigentliche Haupt-Clubhaus, mit Schwimmbad, Tennisplätzen und Reitanlage.

Der Golfclub hat nun nur noch etwa 50 Mitglieder, und die Beiträge decken mal gerade die Hälfte der Betriebskosten. Doch der Club ist auch Veranstaltungsort für Konzerte, Hochzeiten, Familienfeiern und kann dadurch überleben.

Dass dort gerne Feste veranstaltet werden, kann ich gut verstehen, denn die Landschaftskulisse ist sehr schön und kommt auch gerade Golfern sehr zugute. Der Platz liegt in den Bergen, auf etwa 1000 m Höhe. Hier herrschen selbst in der sonst unangenehm schwülen Hitze eines Tropensommers, unter dem die Bewohner Rio de Janeiros leiden, angenehme Temperaturen; und im Juni/Juli kann es gar recht frisch werden.

Man spielt in einem gepflegten Park mit altem Baumbestand. Während man so etwas auch in Europa antreffen kann, so fehlt bei uns doch die subtropische Vegetation auf den Hügeln, die den Platz in Teresópolis umgeben und die einen die jenseits des Platzes sichtbaren Häuser vergessen lässt.[2] Und dann ist da noch der Fluss, Freude und Leid zugleich. Der Fluss fliesst in einem Bogen um den nahen Berg herum und nahe an der Grenze des Golfplatzes. Der Platz ist so angelegt, dass man bei einer 18-Loch Runde den Ball 11 Mal über den Fluss schlagen muss. Wenn die Flugbahn dabei nicht in steilem Winkel zum Fluss liegt, kann man sich denken, dass wohl schon etliche Bälle nass geworden sind.

Loch 4, Par 3 (Teresópolis)

Doch eigentlich ist dies “nur” ein 9-Loch Platz, allerdings sind die Abschläge bei einer zweiten 9 Loch Runde versetzt, so dass die Längen der Bahnen bei der zweiten Runde z.T. sehr viel länger oder kürzer sein können als bei der ersten.

Auch sind die Bahnen recht variantenreich. Einige Grüns und Abschläge liegen erhöht, und die Bäume stehen oft wenig hilfreich im Weg. Was mir gefiel: anders als sehr geschlossene und elitäre Golfclubs in Brasilien (viele, wenn nicht die meisten sind offenbar so), gibt es hier keinen Caddy-Zwang.

Teresópolis Golf Club (Foto: G Heinrich)
Abschlag Loch 5 (Teresópolis)

Da fragt es sich: wieso gibt es an diesem sehr schönen Platz nur so wenige Golfer? Wie mir berichtet wurde, gibt es zwei Gründe. Zum einen gab es vor etwa 7 Jahren eine Naturkatastrophe. Nach sintflutartigen Regenfällen gab es grosse Erdrutsche, weit über 1000 Menschen starben dabei in Teresópolis. Der Golfplatz war für viele Monate unbespielbar, viele der heute nutzbaren Brücken über den Fluss waren damals zerstört. Das führte zu einem grossen Abgang vieler Mitglieder.

Ein weiterer Grund war der Bau des “Rio Olympic Golf Course[3] in Rio de Janeiro. Bei der Olympiade 2016 wurde seit über 100 Jahren Golf wieder Bestandteil des olympischen Programms. Für die Olympiade wurden im Gebiet Barra da Tijuca viele Sportanlagen neu errichtet, so auch der Golfplatz „Rio Olympic Golf Course“. War die im Volksmund nur „Barra“ genannte Gegend vor 60 Jahren noch ein Sumpf- und Dschungelland voller Krokodile, ist hier hinter der Nehrung inzwischen eine Grossstadt herangewachsen. Wasserläufe gibt es immer noch, und Teile der Landschaft wurden zum Naturschutzgebiet erklärt.

Barra da Tijuca, areal view (Foto: G Heinrich)
Barra da Tijuca

Das führte zu Kontroversen und gar Gerichtsprozessen vor und auch noch nach den Spielen, denn der private Investor/Entwickler plante den neuen Golfplatz, zusammen mit einigen eleganten Apartmenthochhäusern direkt an und zum Teil (6% der Gesamtfläche von 97 Hektar, nämlich 58000 qm) im Naturschutzgebiet. Der Investor, der wohl schon seit 2006 mit dem Plan liebäugelt hatte, Golfplatz und Apartmenthäuser zu bauen, bekam in der Tat die Ausnahmegenehmigung, am Rand der Anlage Hochhäuser zu bauen. Auch wurde argumentiert, dass die Stadt neben zwei bereits existierenden Anlagen in selektiven Clubs gar keinen neuen Golfplatz brauche, da einer von ihnen, der Itahangá Golf Club sich angeboten hatte, Austragungsort für die Spiele zu sein.[4]

Das Projekt Olympia Golfplatz drohte zu scheitern, doch nach etlichen Umweltauflagen und evtl. gar, wie gemunkelt wird, Arrangements hinter den Kulissen, wurde das Projekt genehmigt und der Golfplatz gebaut. Gegen den ehemaligen Bürgermeister Rios laufen inzwischen übrigens strafrechtliche Ermittlungen.

Rio Olympic Golf Course (Foto: G Heinrich)Seit 2017 steht er der Golfplatz für die Allgemeinheit offen. Ein Kriterium der Genehmigung für den Platz war, dass er nach der Olympiade halt keine geschlossene Clubanlage werden dürfe, sondern mindestens 20 Jahre lang öffentlich sein müsste. Zwar fällt wie überall eine Greenfee an, aber man muss nicht einmal Mitglied eines Clubs sein, um hier spielen zu dürfen. Auch versuchten die ursprünglichen Betreiber, nachdem die Natur dem Golfplatz gewichen war, einigermassen nachhaltige Bedingungen zu schaffen: es wurde ein salzwasserresistentes Gras gepflanzt (Paspalum für die Grüns und Zeon Zoysia für die Fairways), das zudem sehr wenig oder fast keinen Dünger benötigt, die in Texas gezüchteten Gräser wurden eigens in Brasilien grossgezogen und als Rollrasen auf den allerdings arg gestalteten Boden gelegt. Auch sollte man nicht vergessen, dass zumindest ein kleiner Teil des Geländes vor dem Umbau wohl eine recht zerzauste und heruntergekommene Sandmine war.

Es ist auch noch naturbelassenes Gelände vorhanden sowie alte und umgepflanzte Gewächse, die den Golfer vor Herausforderungen stellen: sandige, dünenähnlich mit Wildgras bewachsene Flächen, die an grosse „Links“-Kurse erinnern (ab und an warnen Schilder , bei der Ballsuche auf Schlangen zu achten), grosse Wasserflächen, Flecken mit dichtem Gestrüpp und dann die teils riesigen Bunker, gefüllt entweder mit weichem, weissem Strandsand oder mit braunem Sand, der aus Bereichen weiter im Inland stammt. Das alles sind Herausforderungen für Spieler, die allerdings beruhigt sein können, auf einem Platz zu spielen, der – nachdem er nun einmal steht – immerhin einige Umweltanerkennungen gewonnen hat, so unter anderem von der Golf Environment Association oder der lokalen NGO „Lagoa Viva“. Es ist zu hoffen, dass die neuen Betreiber, BGM-Brazil Golf Management, diesen Anspruch weiter erhalten, und im Moment scheint dies der Fall zu sein.Rio Olympic Golf Course (Foto: G Heinrich)

Ein weiteres Hindernis, für mich zumindest, ist der Wind. Der ist 100% natürlich und kann von keinem Kursdesigner der Welt gezügelt werden, auch nicht von Gil Hanse, der diesen Kurs gut angelegt hat.

Corina, die sehr nette – und etwas Deutsch sprechende – Tourismus- und Event-Managerin der Anlage meinte, es sei bei grossen Turnieren interessant zu sehen, wie unterschiedlich die Ergebnisse sein können, je nachdem ob jemand morgens oder nachmittags spiele, allein aufgrund der unterschiedlichen Windverhältnisse. Von meinem Heimatclub bin ich Wind nicht gewohnt, und es war für mich ein neues Erlebnis, fast auf jeder Bahn Rückenwind, Gegenwind oder Seitenwind zu spüren; aber Corina meinte, der Wind sei an meinem Spieltag Anfang Dezember nicht einmal sonderlich stark gewesen.

Rio Olympic Golf Course (Foto: G Heinrich)

Insgesamt sind die Bahnen flach, abgesehen von den aufgeschütteten Hügelchen und Ondulierungen, die den Ball leicht in einen der Bunker rollen lassen, besonders dann, wenn man es gar nicht möchte. Das kann einem an den Grüns auch passieren, die mir rasend schnell vorkamen. Kaum leicht angetippt war der Ball auch schon auf dem Weg und wollte gar nicht leicht ins Loch, denn kaum ein Grün scheint irgendwo wirklich total einheitlich flach zu sein. Die Fairways sind übrigens zumeist so geschnitten wie anderswo vielleicht Grüns mit längerem Gras: der Ball kann weit rollen, was wie immer sowohl Vorteil wie auch Nachteil sein kann.

Was also auf den ersten Blick wie ein mittelschwerer bis leichter Golfplatz aussieht, entpuppt sich dann doch als Herausforderung. Nun, schliesslich wurde hier eine Olympiade ausgetragen, und auch Profis werden mit den 4 über 500 m langen Par 5 ihre Mühe gehabt haben.[5]Clubhaus Rio Olympic Golf Course (Foto: G Heinrich)

Nach dem Spiel oder nach 9 Löchern kann man im Loch 19-Restaurant (das bei der Olympiade noch gar nicht fertig war) recht gut essen. Aber auch hier war ich praktisch allein in diesen neuen Büro/Umkleide/Pro-Shop/Verwaltungsgebäuden, die eher wie ein kleiner moderner Flughafen anmuten, als ein Clubhaus. Die Architekten Pedro Évora und Pedro Rivera haben hier ein schönes Fotomotiv hingesetzt, aber ich frage mich, ob sie sich je mit Golf befasst haben. Das Grün des 18. Loches ist etwa 200 Meter vom Restaurant entfernt. Bei einem Bierchen oder einer Caipirinha den letzten Putt, den Handschlag eines Flights nach erfolgreichem Spiel aus der Nähe zu verfolgen, ist so unmöglich.

Golfen in Brasilien Teresópolis Rio de Janeiro Golfurlaub
Caddymaster João Carlos (Foto: G Heinrich)

Es wird sich zeigen, ob das Projekt, mit der Olympiade und dem neuen Golfplatz den Golfsport in Brasilien populärer zu machen, Früchte tragen wird. Noch spielen relativ wenige Menschen auf diesem Platz, aber halt doch auch einige, die früher von Rio aus nach Teresóplis fuhren, um Golf zu spielen, selbst als Tagesausflug, und dies nun weniger oder gar nicht mehr tun. Schade eigentlich: die beiden Plätze könnten unterschiedlicher nicht sein, und beide sind es wert, bespielt zu werden.

——

Info (Stand Dezember 2018)

Teresópolis Golf Club:
http://golfclubteresopolis.com.br (nur auf Portugiesisch); teregolf.tgc@gmail.com; tel: +55 (21) 2742-1691. Greenfee: 18 Loch: Mo-Fr BRL 100 (EUR 22; CHF 25), Sa-So-Feiertage: BRL 150 (kein Wagen- oder Caddyzwang); Schlägermiete: BRL 50.

Rio Olympic Golf Course:
https://www.rioogc.com.br (nur auf Portugiesisch); contato@campoolimpico.com.br, Tel: +55 21 3030-4653; und +5521999952155; Greenfee: BRL 210 (ca EUR 47, CHF 53); Miete: Schläger BRL 100; Golfwagen: BRL 150 (kein Wagen- oder Caddyzwang); Online Teetime Reservierung: https://www.rioogc.com.br/tee-time/

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* Der Autor lebt in Basel; Website: https://sites.google.com/view/golfandtesla/

[1] New York Times, 11.8.2016.

[2] Einen Eindruck vom Golfplatz: Video auf: https://youtu.be/qfB9YoMk1AQ .

[3] Einen Eindruck vom Golfplatz: Video auf https://youtu.be/-z_gimStpRs .

[4] David Granger schrieb im Golfer’s Digest, Juli 2016, dass unter den 6.5 Millionen Einwohnern Rios es wohl kaum mehr als 1000 Familien gäbe, die einem der beiden damals existierenden Golfclubs angehörten.

[5]  Siehe Kursplan/Scorecard in Metern und Yards auf S.4 der Olympia Broschüre. Zu Videos, in denen Designer Gil Hansen kurz vor der Olympiade jedes Loch beschreib, siehe hier oder Golf Digest, The Olympic Course Experience.

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